Ausgangspunkt

Ich habe an der Universität Tübingen Katholische Theologie studiert und mit Diplom abgeschlossen: Latein, Hebräisch, Griechisch, historisch-kritische Methode. Quellenanalyse, Textkritik, Literarkritik — philologische Arbeit, die sich unmittelbar auf NLP und Textanalyse übertragen lässt. Ich bin Atheist — und dieses Profil gibt es, soweit ich weiß, nicht so oft.

Forschungsprojekt: KI-gestützte Bibelexegese

Die historisch-kritische Exegese zerlegt biblische Texte in ihre Bestandteile: Quellenscheidung, Gattungsbestimmung, Redaktionsgeschichte. Diese Methoden gelten als hermeneutische Akte. In Wirklichkeit sind viele davon formale Operationen auf Text: Variantenvergleich, Vokabularstatistik, Musterabgleich, Klassifikation.

Dershowitz et al. (2015) haben gezeigt, dass unüberwachtes Clustering die Priesterschrift vom übrigen Pentateuch-Material mit über 90% Genauigkeit trennt, ohne theologisches Vorwissen, ohne hermeneutischen Zirkel. Der Algorithmus reproduziert in Sekunden, was die Exegese seit Wellhausen in zwei Jahrhunderten erarbeitet hat.

Mein Konzept fußt auf einem Eskalationsmodell: Von der Konkordanz (Stufe 0) über TF-IDF und Clustering bis zum LLM-Prompting (Stufe 5) und autonomen Agenten (Stufe 6).

Die zentrale Frage: Wenn ein Algorithmus den Text besser durchdringt als der Mensch, was bedeutet das für den Offenbarungsbegriff? Ist das Verstehen der Schrift an menschliche Kognition gebunden, oder ist es eine Eigenschaft des Textes selbst?

Warum das Feld wächst

Philologische Fleißarbeit war zwei Jahrhunderte lang das Fundament der Exegese: Konkordanzen erstellen, Wortfelder durchzählen, Varianten vergleichen, Quellen trennen. Dieser Fleiß verliert an Wert. Ein Agent erledigt dieselbe Arbeit in Stunden und übersieht nichts.

Es liegt die Vermutung nahe, dass genau das den Exegeten im Fach Angst macht. Auf meine Anfrage zu einem Vortrag im Bereich KI und Exegese an einer Universität wurde zunächst Skepsis signalisiert — ob „die KI" das überhaupt könne —, dann aber auch Interesse; nach Einreichung des Konzepts kam keine Antwort mehr. Christoph Heilig (PD Basel, LMU München) hat in Interviews öffentlich argumentiert, dass die Exegese in ihrer jetzigen institutionellen Form implodieren wird — Journals, Drittmittelprojekte, Dissertationsreihen. Die These wurde breit diskutiert. Eine fachliche Antwort steht aus.

Die Flucht in Spezialisierung schützt nicht. Im Gegenteil: KI kann in jeder Nische die gesamte Sekundärliteratur durcharbeiten, Argumentationslücken identifizieren und Gegenbelege liefern. Wer sich auf ein Spezialgebiet zurückzieht, ist demzufolge nicht Spezialist, sondern angreifbar — denn die Maschine überblickt das gesamte Feld.

Drei Fachcommunities arbeiten derweil an Teilaspekten, ohne sich zu lesen: Theologen diskutieren KI-Ethik, rühren freilich keine Algorithmen an. Computational Linguists bauen Tools für biblische Texte, stellen dennoch keine hermeneutischen Fragen. Und die Digital-Theology-Debatte bleibt bei „Heiliger Geist fehlt" stehen, ohne die epistemologische Frage auch nur zu formulieren.

Exegese ist der Anfang. Religionsgeschichte, Kirchengeschichte, Liturgiewissenschaft, pastorale Praxis — überall stellen sich dieselben Fragen.